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| Der Ort der Kunst |
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Künstler sind Menschen,
die etwas in sich tragen, in sich fühlen für welches
sie noch kein sichtbares, hörbares, greifbares Gegenüber
gefunden haben. Bildet sich der Drang, diesem Erleben eine Form,
einen sinnlichen Ausdruck zu geben, so entsteht Kunst.
„Kunst gibt nicht das Sichtbare
wieder, sondern macht sichtbar.“ - Paul Klee
Es geht im künstlerischen Prozess nicht, wie so oft angenommen
um ein Reproduzieren einer gelernten, erübten Fähigkeit,
sondern um das Ringen um Ausdruck eines Geheimnisvollen, eines
Unaussprechlichen von dem auch der Künstler zunächst
nichts weiß. Erst der künstlerische Akt bringt es
hervor, macht es sichtbar, hörbar, greifbar auch für
den Künstler selber.
„Kunst ist ja nicht dazu da,
daß man Erlebnisse auf direktem Wege gewinnt, sondern
vertiefte Erkenntnisse über das Erleben herstellt.“
- Joseph Beuys
So haben wir es im künstlerischen Prozess immer mit etwas
neu Geschöpftem, neu Hervorgebrachtem zu tun. Hier ist
der Ort an dem sich Neues formulieren und in das menschliche
Leben einfließen kann. Es ist dies ein heiliger, ein intimer,
ein mystischer Ort , an welchem der Künstler um das Erscheinen
dieses Neuen ringt. Viele große Künstler haben diesen
Ort, oft in sehr unterschiedlicher Weise, beschrieben.
„Die ganze Malerei, aber auch
die Literatur und alles was damit zusammenhängt ist ja
immer nur ein Herumgehen um etwas Unsagbares, um ein schwarzes
Loch oder um einen Krater, dessen Zentrum man nicht betreten
kann. Und was man an Themen aufgreift, das hat immer nur den
Charakter von Steinchen am Fuß des Kraters…. - Anselm Kiefer
Es ist der Verdienst von Joseph
Beuys auf die Tatsache hingewiesen zu haben, dass dieser geheimnisvolle
Ort, an dem die Künstler Suchen und Ringen, an welchem
das Neue sich zeigt, jeder Mensch in sich finden kann.
Die künstlerische Ausbildung
Was ist nun die Aufgabe einer künstlerischen Ausbildung?
Hier geht es zunächst nicht um die Vermittlung eines bestimmten
Könnens, Stiles, sondern um das Entdecken bzw. den Umgang
mit diesem Inneren Ort der Kunst. Unter diesem Gesichtspunkt
gestaltet sich die Arbeit als solche, die ausschließlich
am individuellen Erleben und Wahrnehmen ansetzen kann. Denn
es geht darum, diesen Ort in sich selber aufzufinden, was nur
der Einzelne für sich leisten kann.
Der Unterricht ist so gestaltet, dass er möglichst gezielt
diesen Prozess unterstützt. Zwei grundsätzlich verschiedene
Ansätze kommen dabei zur Anwendung:
Der Expressionistische Weg
/ Ansatz
„Ich schließe meine Augen,
um zu sehen.“ – Paul
Gauguin
Hier geht es um den Blick nach innen auf die eigenen, inneren
Bilder und Erfahrungen.
„Die Kunst erweitern? Nein. Sondern geh mit der Kunst
in deine
allereigenste Enge. Und setze dich frei!“.
- Paul Celan
Geh in deine allereigenste Enge und setze dich frei –
eine wunderbare auch schwierige Aufforderung die Paul Celan
da stellt: Schaue in dich selber hinein und lerne mit dem Wahrgenommenen
umzugehen. Hier liegt für jeden der sich dieser Aufgabe
stellen möchte eine große Herausforderung.
Im Rahmen der Ausbildung geht es zunächst einmal darum
diesen Blick nach innen zu üben.
Unser ganzes öffentliches Schulsystem ist ja ganz nach
außen auf bestimmte Themen, Aufgabenstellungen oder Objekte
gerichtet. Ein Ideal ist dabei immer noch die so genannte Objektivität
in welcher der Erkennende außen vor bleibt.
Der erweiterte Kunstbegriff ist
keine Theorie, sondern eine Vorgehensweise, die sagt, dass das
innere Auge sehr viel Entscheidender ist, als die dann sowieso
entstehenden äußeren Bilder. Viel besser für
die Voraussetzung guter, äußerer Bilder (…)
ist, dass das innere Bild, also die Denkform, die Form des Denkens,
des Vorstellens, des Fühlens, die Qualität hat, die
man von einem stimmenden Bild haben muss“.
– Joseph Beuys
Hier ist der Blick nach innen auf die eigenen Erlebnisse welche
sich in inneren Bildern kundtun gerichtet. An diesem Punkt fängt
die Arbeit erst richtig an: den Umgang mit diesen Erlebnissen
und Bildern zu lernen.
Das Anschauen und Verfertigen innerer
Bilder bedeutet das Lebendigmachen der Seele“ –
C. G. Jung
Dies ist ein Lernvorgang welcher nicht einfach ist. Demjenigen
der sich auf einen solchen Prozess einlässt tun sich die
unterschiedlichsten Dinge kund: tiefste, persönliche Erlebnisse
bis hin zu Bildern, welche als fremd und widersprüchlich
und nicht zu sich gehörig erlebt werden.
Es gibt oft eine gewisse Dramatik in dem Ringen um die eigenen,
inneren Bilder.
„Der Expressionist …
wird durch eine langsam steigende, bis zur Unerträglichkeit
stark gewordene Sehnsucht nach einer bestimmten Gestaltung,
die sich in seinem Bewusstsein gebildet hat, dazu getrieben,
zum Bilde, zur Erlösung der Pein zu kommen … „
– Lyonel Feininger
Dieses Drängen, die Sehnsucht nach dem Bilde (Vision) ist
etwas „das im Grund genommen
in der Seele aller Menschen ist“
– R. Steiner.
Nun ist es wichtig innerhalb einer künstlerischen Ausbildung
für diesen wichtigen Vorgang einen klar gegliederten Weg
anzubieten um einen fruchtbaren Lernprozess zu ermöglichen.
Der impressionistische Weg
/ Ansatz
„Geh nicht ab von der Natur
in deinem Gutdünken, dass du wollest Meinen, das Bessere
aus dir selbst zu finden. Nimm dir nimmermehr vor, dass du etwas
besser möchtest oder wolltest machen, denn es Gott seiner
erschaffenen Natur zu wirken Kraft gegeben hat. Denn dein Vermögen
ist kraftlos gegen Gottes Schöpfung. Wahrhaftig steckt
Die Kunst in der Natur – wer sie heraus kann reißen,
der hat sie.“ – Albrecht
Dürer
Wie anders ist nun dieser von A. Dürer beschriebene Ansatz.
Hier geht es zunächst um die äußeren, durch
die Sinne aufgenommenen Eindrücke und Wahrnehmungserfahrungen.
„Das wahre Geheimnis der Welt
ist das Sichtbare, nicht das Unsichtbare.“ - Oscar Wilde
Goethe hat von dem „offenbaren
Geheimnis“ der Natur gesprochen
und sein Leben lang an der Entschlüsselung dieser Geheimnisse
gearbeitet. Sein nach ihm benannter und von Rudolf Steiner weiterentwickelte
Ansatz, der Goetheanismus, ist auf wissenschaftlichem Gebiet
das, was hier als impressionistischer Weg beschrieben wird:
unbefangenes Herangehen an die sinnliche Erscheinung und deren
genaue Verfolgung nach innen.
Kann man den expressionistischen Ansatz als von „innen
nach außen“ - E.
Nolde – beschreiben, so ist der hier Beschriebene, der
Weg von außen nach innen.
„Entwickle Interesse am Leben,
so wie Du es siehst, an Menschen, Dingen, Literatur, Musik –
die Welt ist so reich, sie pulsiert gerade zu vor lauter wertvollen
Schätzen, schönen Seelen und interessanten Menschen.
Vergiss Dein Selbst.“
– Henry Miller
Interesse und Hingabe an die mannigfaltigen Erscheinungen der
Welt zu entwickeln. Jetzt aber nicht bei der äußeren
Wahrnehmung stehen bleiben, sondern diese nach innen hinein
weiterverfolgen zu dem, wie Goethe es nannte, „sinnlich,
sittlichen Eindruck.“
„Die Landschaft spiegelt sich, vermenschlicht sich, denkt
sich in mir … Vielleicht rede ich dummes Zeug, aber mir
scheint, dass ich das Subjektive Bewusstsein dieser Landschaft
wäre …“ –
Paul Cézanne
Welch ein großartiger Gedanke, welcher hier durch Cézanne
formuliert wird. Der Mensch wird zum Bewusstsein der ihn umgebenden
Welt.
„Die Kunst, das ist der Mensch
hinzugefügt zu der Natur, die er entbindet.“ – Vincent van Gogh
Der künstlerische
Prozess
Die beiden hier beschriebenen Ansätze finden in der Gestaltung
des Unterrichts ihren Platz, an welchem sie sich entfalten können.
Im künstlerischen Prozess selber sind beide Wege, der von
außen nach innen sowie der von innen nach außen,
von Wichtigkeit.
Es geht darum dem Studierenden zu ermöglichen, beide Ansätze
zu erkennen und entwickeln zu können, um in Freiheit den
eigenen Standort zu erkennen und zu erweitern.
„Jede Richtung, einseitig
verfolgt, führt notwendig in Öde und Erstarrung, in
wechselseitigem, wenn auch oft feindlichem Durchdringen haben
sie die fruchtbare Entwicklung bis auf den heutigen Tag gezeitigt.“
– Alois Riege (Kunsthistoriker)
Die handwerkliche Ausbildung
„Wer mit dem Meißel malen, musizieren usw. kurz
zaubern könnte – bedürfte des Meißels
nicht – der Meißel wär ein Überfluss –
übrigens könnte ein Zauberstab auch ein indirektes
Werkzeug sein.“ –
Novalis
Was bisher über Kunst bzw. den künstlerischen Prozess
gesagt wurde, betrifft mehr oder weniger alle Künste. Jetzt
hat jede der Künste auch eine ganz praktische Seite: ich
muss als Architekt etwas von Baustoffkunde, von Statik, usw.
verstehen um meinen künstlerischen Ideen Ausdruck geben
zu können. Als Musiker muss ich mein Instrument beherrschen
und Noten lesen können. So muss auch der Bildhauer sein
Handwerk verstehen um in der Lage zu sein seinen Erlebnissen
Ausdruck zu geben. Die Plastik bringt eine Vielzahl an Eigenschaften,
Gesetzmäßigkeiten mit, welche der Künstler,
so er sie versteht und mit ihnen umgehen kann, in seine Arbeit
einfließen lassen kann. Stoff, Volumen, Ausdehnung sind
die Arbeitsmittel des Bildhauers.
„Das Volumen ist für die Plastik alles. Wo das Volumen
aufhört, da hört auch die Plastik auf. Die Bildhauerei
hat die Aufgabe, einen Gegenstand zu vergegenwärtigen und
ihm Dauer zu verleihen; keine Erscheinung von dem Gegenstand
vorzuspiegeln, die vom Beschauer durch einen Abstand getrennt
ist. Eine handgreifliche Nähe soll zustande kommen, ein
Stellvertreter des Gegenstandes soll Geschaffen werden.“
– Hans Wimmer
Die Idee, das Anliegen des Künstlers zieht in der Plastik
in den Stoff ein. Um dieses als Bildhauer leisten zu können,
bedarf es einer Vielzahl an Techniken um dem jeweiligen Stoff
gerecht werden zu können.
Der handwerklichen Seite kommt eine wichtige Aufgabe zu. Beherrsche
ich mein Handwerk, so bin ich frei um mich auf die beschriebene
künstlerische Seite konzentrieren zu können. Muss
ich erst überlegen, wie herum ich mit der Säge an
ein Holz herangehe, so lenkt mich dieses Nichtkönnen erst
einmal ab. Beherrsche ich die Technik, so macht sie mich frei.
„Ich arbeite, als ob nichts existierte, als ob ich nichts
gelernt Hätte. Ich bin der erste Mensch, der Bildwerke
macht.“ – Aristide Maillol
Es gibt noch einen weiteren wichtigen Gedanken zum Thema des
handwerklichen Könnens. Das Handwerk geht immer vom Ergebnis
aus und sucht zu diesem hin den effektivsten und dem Material
entsprechendsten Weg. Dabei bauen die hierbei verwendeten Techniken
auf zumeist Jahrhunderte alte Erfahrung. Der Handwerker (so
er ein guter ist) weiß wie es geht – der handwerkliche
Weg ist dadurch vorgezeichnet.
Und genau das steht im Gegensatz zum künstlerischen Weg
– doch wo ich weiß wie es geht, bin ich nicht mehr
offen für das zuvor beschriebene Neue. Der Künstler
der weiß wie es geht, wird im besten Sinne zum Kunsthandwerker.
Der Moment des Aktuell-Neuschaffens ist in Gefahr.
Dies ist auch für jede
künstlerische Ausbildung eine Gradwanderung: zwischen künstlerischer
Freiheit und handwerklich, stofflicher Notwendigkeit.
Wenn ich es kann ist es keine
Kunst.
Wenn ich es nicht kann, erst recht keine.“ – Karl Valentin
Es ist dies ein Problem, welches sich nicht in einem Entweder
/ Oder lösen lässt. Die Edith Maryon Kunstschule Freiburg
versucht hier mit Aufmerksamkeit auf beide Prozesse immer wieder
neu den künstlerischen und handwerklichen Teil aufeinander
abzustimmen.
© Markus Hoenninger |
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